Menschen begegnen

Interessante, Beeindruckende und Intelligente

Menschen begegnen ist meine Leidenschaft. Lassen Sie sich ein auf zwei ausgesuchte Begegnungen, die mich auf den Wegen zum Biber berührt haben.

Roland Streng, Landwirt in Muhr am See (Bayern)

Vom Wohnmobilstellplatz Seezentrum Muhr am See (Altmühlsee, Bayern), auf dem ich übernachtet habe, fahre ich morgens um 7.30 Uhr ab, um zum 2 km entfernten LBV-Infohaus Parkplatz zu fahren. Hier ist noch kein Umtrieb auf dem Parkplatz. Ich baue meinen Klappstuhl und Klapptisch für das Frühstück auf und genieße beim Frühstücken die Ruhe und die Sicht auf die grünen Wiesenflächen, die an die Altmühl vor dem Altmühlsee grenzen. Ein alter Traktor kommt über die Wiesen angefahren und macht viel Lärm an diesem idyllischen Platz. Der Landwirt klappt in einer Seelenruhe das Mähmesser per Hand herunter und mäht einen ca. 30 Meter langen Streifen der kurzgewachsenen Wiese ab. Dann fährt er rückwärts zurück und beginnt mit einer Holzharke den Grasschnitt zusammen zu harken. Ich könnte mein Frühstück unterbrechen und den Landwirt in ein Gespräch über das Bibervorkommen am See verwickeln, denke ich, und springe gleichzeitig auf und gehe schon über die Wiese auf den Mann zu. „Guten Morgen, sie haben einen schönen Arbeitsplatz in der Natur. Ich bin auf den Spuren des Bibers unterwegs und möchte sie gerne über ihre Erfahrungen mit dem Tier befragen.“ Er nimmt mein Anliegen an und lässt sich in ein Gespräch ein. „Hier, am Ende der Wiese, an der Altmühl, ist der Biber nicht. Aber weiter oben, Richtung Ornbau, gibt es Biber. Sie haben Röhren in die Erde der Wiesen gemacht und den Besitzern dadurch viel Ärger bereitet. Bis fünf Meter gehen die Röhren in die Wiese rein. Das ist gefährlich, weil die Maschinen darin einbrechen können.“ „Der Gewässerrandstreifen wird demnach nicht eingehalten“, erwidere ich. „Ja, aber das kostet dem Besitzer viel Fläche. Bei den einbrechenden Milchpreisen muss er sehen wie er sein Geld verdient und kann nicht noch auf Fläche verzichten.“ Dieses Dilemma ist hinlänglich bekannt. „Es geht nur noch ums Geld und einen hohen Ertrag“ sagt der Bauer und zeigt auf die Nachbarwiese, die von braunen Flächen der Mistbrühe überzogen ist. „Da wächst nichts mehr das Qualität hat.“ Seine Wiesen werden biologisch genutzt und sind im Naturschutzprogramm eingebettet. „Auf diese Wiese kommt kein Dünger. Hier wachsen Blumen, fliegen Schmetterlinge und Vögel holen sich hier ihre Nahrung. Aber da", und weist auf die Nachbarwiese, "wächst keine Blume. Ärger macht der Biber den Landwirten oft, wenn er die Pappeln fällt, die Besitzer als Grenzmarkierungen eingepflanzt haben.“

Im Gespräch habe ich nach seinem Namen gefragt, wo er wohnt und ob er einverstanden ist, wenn ich ein Foto von ihm mache. Herr Roland Streng, Landwirt in Muhr am See, ist einverstanden. Ich mache einige Aufnahmen, bedanke mich für das Gespräch und gehe zurück an meinen Frühstückstisch. Der Landwirt nimmt seine Arbeit wieder auf. Achtsam recht er das gemähte Gras zusammen, bückt sich, schiebt mit der linken Hand das Gras an die Zinken der Harke heran, die er mit der rechten Hand hält und hebt den Grashaufen auf, als würde er wertvolles Gut bergen und in die vordere Schaufel des Traktors legen. Das wiederholt sich einige Male, bis er den gemähten Streifen vollständig eingesammelt hat. Immer wieder drückt er das Gras in die Schaufel des Traktors, sodass eine größere Menge des grünen Goldes in die kleine Schaufel passt. Nach etwa 20 Minuten ist die Schaufel gefüllt und das typische Motorengeräusch ertönt erneut, während Herr Streng die wertvolle Fracht, Halm für Halm, zu seinen Gänsen fährt. Diese sind ihm sicher dankbar für die erlesene, handgemachte, frische Mahlzeit.

Walter Rothenberger, Biberberater in Kreßberg (Württemberg)

Der Biberberater Walter Rothenberger ist seit 2004 geschulter, ehrenamtlicher Biberberater der Gesamtgemeinde Kreßberg. In der Begegnung mit dem umtriebigen Biberflüsterer, in dessen Betreuungsgebiet der Nager weit verbreitet ist, besichtigten wir gemeinsam mehrere Reviere. Seine Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit dem wilden Tier, den Bürgern und den Geschädigten sind beeindruckend.

„Einem geschädigten Landwirt, der seine Wiese wegen Überflutung nicht mehr mähen kann, kann man nicht nur mit Gesetzen kommen. Sie müssen spüren, dass sie ernst genommen werden, dass auf Augenhöhe mit ihnen geredet wird und ihnen faire Ausgleichsangebote unterbreitet werden. Bisher wurde jeder Konflikt gütlich gelöst, aber vieles braucht Zeit. Der weitaus größte Teil der Bürgerschaft steht dem Biber wohlwollend gegenüber. Auch der Bürgermeister, der anfangs skeptisch war, greift inzwischen einen Maistreich der Jugendlichen auf und denkt daran einen Biberlehrpfad zu schaffen. Die Jugendlichen hatten zum 1. Mai dieses Jahr mehrere selbstgemachte Schilder mit einer Wanderroute zu den Biberrevieren aufgestellt. Das war eine gelungene, kreative Aktion, die in der Gemeinde angekommen ist und bis heute in den Ortschaften aushängt. Kritische Biberstimmen gibt es wenige, vorwiegend eben von den Geschädigten, die auch gehört werden.“

 

Am intensivsten erzählt der Biberfreund über die Dämme des Nagers, die mit unwiderstehlicher Geduld und Disziplin aufschichtet werden. Oft tritt er mit dem Biber in einen inneren Dialog, um den emsigen Dammbauer zu verstehen und seine Strategie zu entschlüsseln. Ist ein Damm im Bach zu hoch, sodass eine Wiese überflutet werden könnte, muss er eingreifen und unorthodoxe Lösungen schaffen, die Bauer und Biber akzeptieren. Eine vorübergehende Lösung sind oft PVC-Rohre, die im Damm befestigt werden, damit das angestaute Wasser bis zu einer vorher bestimmten Höhe ablaufen kann. An manchen Stellen packt Herr Rothenberger Dämme mit Stahlgitter ein, sodass der Dammbauer nicht weiter bauen kann. „Immer wieder findet der Biber eine Lösung diese Blockaden zu umgehen. So muss ich mir wieder etwas Neues einfallen lassen, bis der Biber meine Konstruktion aufgreift und beginnt damit zu leben. Im angestauten Bachlauf stehe ich mit wasserdichten Stiefelhosen oft bis zur Hüfte im Wasser.“ Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten schafft der hauptberufliche Angestellte im Straußenbauamt des Landratsamtes Schwäbisch Hall in seiner Freizeit, in der Regel in aller Frühe eines freien Tages. Die Leidenschaft für das Tier treibt ihn an, das ist dem Landwirtssohn spürbar anzumerken.

 

„Der Biber hat keine Lobby, er braucht aber Stimmen, die ihm helfen, ihn unterstützen und schützen. Es gibt oft Telefonanrufe bei mir, wenn es ein „Biberproblem“ gibt, die beginnen mit den Worten: „Du, dein Biber hat ......... .“ Wir beide müssen lachen.

 

In einer Gemeinderatssitzung flüsterte ihm eine Person ins Ohr: „Du stehst stark für den Biber ein, da musst du vorsichtig sein, sonst siehst du bei der nächsten Wahl schlecht aus.“

 

Der absolute Höhepunkt der dreistündigen Biberrevierexkursion findet am Brühlbach in Waldtann statt. „Wir fahren jetzt zu einer gut zugänglichen Burg und wenn wir Glück haben, dann hören wir daraus die Laute der Jungtiere. Erst vor kurzem war ich da und konnte sie hören.“ Auf einer Wiese gehen wir am Brühlbach entlang und kommen an einen niedrigen, unscheinbaren Asthaufen, der für einen Laien nicht als Biberburg zu erkennen ist. Wir stehen direkt vor dem Holzhaufen, lauschen ........ und hören deutlich mehrere unterschiedliche Laute der schätzungsweise 3-4 Wochen alten Jungtiere. Fasziniert staune, höre, starre ich auf den Asthaufen und bin sprachlos. „Es ist ein zartes „graunzen“, wie, wenn Katzen- oder Hundejunge zum Saugen die Zitzen der Mutter suchen“, versucht der Biberexperte die Laute einfühlsam zu beschreiben.

 

Das Foto (unten rechts) zeigt den unverdächtigen Asthaufen auf der Wiese am Lauf eines Baches, den nur ein erfahrener Biberkenner als Biberburg erkennt. Dieser Bautyp ist ein Mittelbau und die häufigste Variante in Deutschland. Der Biber überdacht den im Erdreich liegenden Wohnkessel mit Ästen und legt die Eingangsröhre unter Wasser an. Der Eigentümer der Wiese ist beim Mähen aufmerksam mit seinem Mähfahrzeug um die Burg herumgefahren, sodass ein hoher Graswuchs als äußerer “Burgwall“ stehen geblieben ist. Eine schöne Dokumentation über das Miteinander eines betroffenen Landwirtes und einer sich scheinbar wohlfühlenden Biberfamilie, die uns verzückt lauschend an ihrem Nachwuchs teilhaben lässt. Ein herzliches Dankeschön an den umsichtigen Landwirt aus Waldtann.

Den Biberberater Walter Rothenberger würde ich als einen Anwärter auf eine Auszeichnung vorschlagen, um seine außerordentliche Tätigkeit um das streng geschützte Tier entsprechend zu würdigen. Das könnten Gemeindeverwaltung und Landratsamt in Angriff nehmen.